Trainerin bei einer Männermannschaften? Der TVK macht es vor.

Hintergrund: Worüber in der Fußball-Bundesliga momentan ausgiebig gesprochen wird, das ist in einer anderen Sportart bei einem Pfälzer Verein seit Jahren völlig selbstverständlich. Beim TV Kirchheimbolanden hat eine Trainerin das Sagen in einem Männerteam. Und die Herren hören nicht nur auf sie, sie profitieren von dieser Konstellation.

 Über die Diskussionen um Marie-Louise Eta, die bei Union Berlin als erste Frau in der Fußball-Bundesliga der Männer eine Mannschaft trainiert, kann Lukas Ruther nur müde lächeln. „Für uns ist das völlig normal“, sagt der langjährige Führungsspieler des Basketball-Landesligisten TV Kirchheimbolanden, und er legt noch einen drauf: „Es ist besser, als von einem Mann trainiert zu werden.“ Dieses Gefühl schien die damalige Truppe des TVK schon vor gut acht Jahren beschlichen zu haben, als es darum ging, ob Eva-Maria Krause-Lott die Mannschaft übernehmen könnte. Lukas Ruther erzählt: „Wir haben es geschafft, sie dazu zu überreden. Sie hat uns wieder Struktur und Konzept gegeben.“

Beim Thema „überreden“ legt Eva-Maria Krause-Lott lachend ihr Veto ein. Damit, dass sie als Frau ein Männerteam übernehmen sollte, habe das nichts zu tun gehabt, schließlich „hatte ich ja davor schon in Nieder-Olm eine Herrenmannschaft trainiert“, sagt sie. Nein, es ging schlichtweg darum, ob das Pensum ihrer Familie zuzumuten sei, ihrem Ehegatten und den drei Söhnen. Mit Männerüberschuss hatte Krause-Lott, im Hauptberuf Lehrerin, noch nie ein Problem.

Ist sie also eine Männerversteherin? Nun gut, als gestandene Frau mitten im Leben hat Eva-Maria Krause-Lott einfach ein Gespür für Menschen und damit auch für Männer. „Ich will wissen, wie es ihnen geht, wie es mit ihren Kindern läuft, im Job. Ich fordere das nicht ein, die Jungs erzählen es mir. Und ich will wissen, was in ihnen vorgeht“, sagt sie. In der Basketballszene der Region war und ist sie ohnehin bekannt – als Spielerin, Trainerin, aber auch als Schiedsrichterin. Sie pfiff bei den Damen bis zur Bundesliga (!), bei den Männern in der Regionalliga. Eine Frau, bei der sich abseits ihres Berufs und ihrer Familie eben alles um den orangefarbenen Ball dreht. „Slavko Strock“, lobt sie den Basketballchef des TV Kirchheimbolanden, „unterstützt mich absolut. Es gab nie Zweifel, dass ich der Aufgabe nicht gewachsen wäre“. Aktuelles Beispiel gefällig? Die abgelaufene Saison beendete ihr Team als Landesliga-Vizemeister und frischgekürter Pfalz-Pokalsieger.

Eva-Maria Krause-Lott scheut sich bei ihrem sehr engagierten Coaching an der Seitenlinie auch nicht davor, den Gegner verbal in die Schranken zu weisen, wenn’s nötig ist. Da ist dann auch mal in Richtung Schiedsrichter ein Satz wie „Die Nummer 5 redet zu viel“ zu hören. Ein bisschen „Trash Talk“ gehört zwar manchmal dazu, aber es gibt auch Sprüche vom Parkett, wo die Männer in ihrem Team hellhörig werden und ihr sofort beistehen. „Da hieß es dann schon: Warum bis du nicht in der Küche?“, erzählt Lukas Ruther und schiebt lächelnd hinterher: „Da stehen wir immer hinter ihr und reagieren auch mal.“ Das bestätigt die Trainerin: „Das ist ein von zu Hause aus gut erzogenes Team, wo sowas nicht geduldet wird.“

Diese Art von Sexismus „kann ich inzwischen weglächeln, geil finde ich es nicht“, betont Eva-Maria Krause-Lott. Was sie wirklich befremdet: dass ihr manchmal gegnerische Trainer, also Männer, nicht wirklich wie Sportsleute begegneten, sie vor dem Match nicht einmal ordentlich begrüßen würden. Vielleicht liege es daran, dass sie den Kollegen mit ihrem resoluten Coaching „ordentlich auf den Geist“ gehe. Vielleicht ist es aber auch einfach nur … Machogehabe.

Was sind – außer dem fachlichen Wissen und Können – die besonderen Wesenszüge einer Frau als Trainerin? Im Fall von Eva-Maria Krause-Lott taucht Lukas Ruther in die Psyche des Teams ein. „Wir sind alles absolut unterschiedliche Charaktere, das macht uns als Mannschaft auch so einzigartig. Da geht eine Frau, und Eva besonders, mit viel mehr Empathie ran, um jeden als Individuum zu behandeln und ihm seine Freiräume zu lassen. Das Zwischenmenschliche ist einfach top.“ Ruther hat das besonders in der für ihn nicht einfachen Corona-Zeit erfahren, als er zum Selbstschutz aus Sorge vor Ansteckung entschied, eine Zeit lang nicht Basketball zu spielen: „Sich eine solche Freiheit nehmen zu können, ohne dass jemand beleidigt ist, das ist bei ihr absolut möglich.“ Krause-Lott unterstreicht: „Bei mir gibt es keinen Druck.“ Wenn Familienväter mit Kindern nicht an jedem Training unter der Woche teilnehmen können, dann sei das eben so – Hauptsache, sie bringen samstags im Spiel ihre Leistung. „Bei den Jungen lege ich andere Maßstäbe an“, räumt sie ein. Aber grundsätzlich gelte: „Ich reflektiere mich unheimlich.“ Und sie befrage ihre älteren Spieler wie Ruther, Sven Radloff oder Ludwig Weinsheimer: „Was könnte ich anders machen? Ich bin kein autoritärer Trainer.“ Sie sagt Trainer. Nicht Trainerin.

Profane Dinge, die von außen betrachtet als heikel angesehen werden könnten, sind gar kein Thema. Wie ist das also in der Kabine? „Das war nie eine Diskussion“, berichtet Lukas Ruther, „der einzige Moment, wo sie in der Umkleide ist, ist in der Halbzeit.“ Ansonsten bleibe die Kabine Männersache. „Ich lasse meinen Jungs immer ihren Raum“, versichert die Chefin der Seitenlinie. Es sei selbstverständlich, „niemals in die Kabine zu kommen, wenn sie sich gerade umziehen“.

Gutes Stichwort. Am Mittwoch wird Eva-Maria Krause-Lott 51. Vor genau einem Jahr, zu ihrem runden Geburtstag, zogen sich ihre Jungs eigens für sie um. Ein „saugeiles Männerballett“ hatten sie als Geschenk für ihre Trainerin einstudiert, „die hatten extra dafür trainiert“. Bedarf’s noch eines Beweises für die hohe Wertschätzung, die ein Haufen gestandener Kerle ihrer Trainerin entgegen bringt? Genau das wünscht Eva-Maria Krause-Lott auch ihrer Berliner Kollegin Marie-Louise Eta, die nach ihrer Amtseinführung viel Hass und Sexismus ertragen musste. Würde die nun prominente Fußballtrainerin die Basketballtrainerin aus der Pfalz um einen Rat bitten, welches wäre dieser? „Sie soll sich selbst treu bleiben, an sich und ihre Fähigkeiten glauben“, sagt Krause-Lott und fügt an: „Hoffentlich hat sie, wie ich, ehrliche Menschen um sich herum.“